Der Männerchor "Laetitia"- seit 1989 nennt er sich Niedersachsenchor Hannover
- war vor 125 Jahren zunächst mit einer musikfremden Bestimmung ins
Leben gerufen worden. Am 13. März 1875 hatten sich fünf junge
Leute in der damaligen Gastwirtschaft Kölle, Dammstraße, entschlossen,
einen "Leseclub" zu gründen und durch die Einrichtung eines
Monatsbeitrags die Anschaffung von Büchern zu ermöglichen. Der
Eintritt musisch interessierter Mitglieder bewirkte, dass der Club auf
den Namen "Lucia" getauft wurde. Gelegentliche Gesangstunden
bahnten den Weg des Leseklubs hin zu einem Gesangverein.
In der Vorstandssitzung vom 13. Januar 1906 beschloss man, den Klub umzuwandeln
in den Männergesangverein "Laetitia" und ihm die Pflege
des deutschen Liedes zur Aufgabe zu machen. Langjähriger Dirigent
des Chores war Heinrich Schöning. Dem hervorragenden Sängergeist
war es zu verdanken, dass tiefe dramatische Einschnitte, wie der zweite
Weltkrieg, überwunden werden konnten. Nachhaltige Konzerte ließen "Laetitia" bald in Hannover und darüber hinaus zu
einem festen Bestandteil des Musiklebens werden.
Mit dem Jahr 1949 brach für "Laetitia" die musikalisch
erfolgreichste Zeit an. Damals wählte der Chor den 22jährigen Wilfried Garbers zu seinem Dirigenten. Es sind indessen mehr als
5 Jahrzehnte eines ergebnisreichen Miteinanders und Füreinanders,
eine Zeit des wirkungsvollen Gebens und Nehmens verstrichen. Schon das
erste Konzert jener Periode nachhaltiger Veranstaltungen - es fand anlässlich
des 75jährigen Chorjubiläums statt - erregte Aufsehen. Man lobte
den jungen dynamischen, kühnen Dirigenten Wilfried Garbers, der es
verstand, dem Chor durch eine anspruchsvolle und wirkungsvolle und wirkungsbedachte
Repertoiregestaltung zu hohem Ansehen zu verhelfen.
In diesen 5 Jahrzehnten - man bedenke, sie stellen fast die Hälfte
der Geschichte dieses Chores dar - , erwies sich Wilfried Garbers auch
als kluger Organisator. Nachdem er sehr früh erkannt hatte, dass
es in Hannover zur Aufführung großer Chorwerke eines entsprechenden
Ensembles bedurfte, regte er 1953 die Gründung der Hannoverschen Chorgemeinschaft
an. Zu dieser Vereinigung schlossen sich neben dem Männerchor "Laetitia" die Herrenhäuser Chorgemeinschaft, die Vereinigte Liedertafel Ahlem
und die Volkssingakademie zusammen. Zu der Hannoverschen Chorgemeinschaft
stieß später der Coro Hispano Hannover.
Im Jahr 1989 wurde der Name "Mannerchor Laetitia" auf Anraten von Medienfachleuten in "Niedersachsenchor Hannover" umgewandelt.
In den rund 250 Konzerten, die der Niedersachsenchor nach 1945, wie aus
der Konzertchronik ersichtlich, allein oder im Verein mit den Sängern
der Hannoverschen Chorgemeinschaft bestritt, gelangten erstrangige Werke
der klassischen Chorliteratur zur Aufführung, immer wieder mit angesehenen
Solisten. Manches von dem, was dargeboten wurde, besteht heute in Dutzenden
von Platteneinspielungen und einigen CDs weiter. Allein schon mit den
nachstehenden Aufführungen der letzten Jahre kann sich der Chor sehen
und hören lassen: "Der Tod Jesu", Oratorium von Carl Heinrich
Graun (1988, im Großen Sendesaal des Funkhauses Hannover), "Drei
symphonische Chöre" aus "Das verlorene Paradies" von
Marco Enrico Bossi und die "Altrhapsodie" von Johannes Brahms
(1989, im Großen Sendesaal des Funkhauses) zum 40jährigen Dirigentenjubiläum
von Wilfried Garbers, "Ein Deutsches Requiem" von Johannes Brahms
(1992 in der Marktkirche Hannover), in Frederikshavn bzw. Aalborg, Dänemark,
und im Braunschweiger Dom anlässlich der Niedersächsischen Landeschortage,
Arthur Honeggers "König David" (1994 im Großen Sendesaal),
"Prometheus" und XIII. Psalm von Franz Liszt (1996 im Großen
Sendesaal) und schließlich "Fausts Verdammung" von Hector
Berlioz (1999) im Großen Sendesaal des Funkhauses Hannover.
Mit ein Schwerpunkt unserer Betätigung ist das Soziale Singen. Wir
treten regelmäßig in Altenheimen und vergleichbaren sozialen
Einrichtungen auf, um durch Gesang Farbe in den grauen Alltag der Menschen
zu bringen.
Seit einigen Jahren widmet sich innerhalb de Niedersachsenchores der
Kleine Chor "InterNezzo" vorwiegend der Pflege des Gospelsongs,
des Spirituals oder ähnlichen Liedguts und tritt wiederholt zu verschiedenen
Anlässen mit Erfolg an die Öffentlichkeit.
Was uns Mitglieder des Niedersachsenchores verbindet, das ist nicht allein
die Musik. Nein, es ist auch die Geborgenheit der Sänger innerhalb
einer Gemeinschaft, der "Laetitia-Familie". Denn bald nach der
Gründung des Chores hatten sich den Geselligkeiten auch die Ehefrauen
der Sänger angeschlossen, und "Laetitia" wurde zu einer
großen Familie, die in Freund und Leid zusammenstand. Zur Neugründung
des Chores nach den beiden Weltkriegen hatte diese Gemeinschaft als moralische
Stütze weitgehend beigetragen. Auch heute wird im Niedersachsenchor
Geselligkeit groß geschrieben. Weihnachtsfeiern, Wurstessen, Vatertagstouren,
Familienfahrten oder Skat- und Kegelabende, an denen mehrheitlich die
Familienangehörigen beteiligt sind, gehören genauso zum Chorleben
wie die wöchentlichen Proben. Ja sogar in den Pausen der Singstunden
im Vereinslokal Rackebrandt wird bei einer Schnitte und einen Glas Bier
das persönliche Gespräch gepflegt. Das unsere neuen Sänger
daran teilhaben dürfen, ist selbstverständlich. Ein wachsender
Freundeskreis greift dem Chor materiell unter die Arme und unterstützt
sein Bemühen, in der breiten Öffentlichkeit bekannt zu werden.
Den Witwen verstorbener Mitglieder gilt fürsorgliche Aufmerksamkeit.
Der Niedersachsenchor ist sicherlich einer von vielen Männerchören
in Hannover und Umgebung. Gemeinsamkeiten mit anderen Chören gibt
es da jede Menge. Interessanter scheint es jedoch zu sein, was uns, ohne
abheben zu wollen, von anderen Männerchören unterscheidet. Wilfried
Garbers, der den Niedersachsenchor über 50 Jahren leitete, einmal
danach befragt, wie unser Chor zu definieren sei, meinte, der Niedersachsenchor
mit seinen rund 60 Mitgliedern sei weder ein Massenaufgebot, noch ein
Auswahlchor. Er vereine musikalische Talente mit weniger schönen
Stimme und Stimmbegabte mit langsameren musikalischem Auffassungsvermögen.
Dabei suche jeder das zu ersetzen, was ihm fehle. Wichtig sei in diesem
Sinne die Begeisterungsfähigkeit. Der Chor habe stets versucht, neue
Wege in der Männerchormusik aufzuzeigen und habe eine zeitnahe Ausrichtung
angestrebt. Daher sei er auch nie der anspruchslosen Liedertafelei verfallen,
sondern eher eine idealistische Gemeinschaft.
Sängerische Verbundenheit äußert sich schließlich
auch in der Bereitschaft, von anderen zu lernen und Freundschaften mit
verschiedenen Singgemeinschaften zu pflegen. "Laetitia" war
1952 der erste Chor nach den Kriege, der durch seine Reisen nach Dänemark
und Schweden, dann 1953 nach Holland wieder Kontakte zu Sängergemeinschaften
im Ausland anknüpfte, für Verständnis warb und Anerkennung
fand. Es folgten zum Teil im Rahmen der Hannoverschen Chorgemeinschaft
Sängerfahrten in die USA, nach Russland, Frankreich, Finnland, Polen
und Österreich. 1991, nach dem Fall der Mauer, besuchte der Niedersachsenchor
den langjährigen Partnerchor Dresden-Driesen, im selben Jahr trat
er im Leipziger Gewandhaus auf. Die 40jährige Sängerfreundschaft
mit Simpelvelds Mannenkoor "David" wurde 1993 durch einen Besuch
bei den holländischen Partnern bekräftigt, wonach 1994 im Salzkammergut
ein internationales Sängerfest stattfand, an dem sich gemeinsam mit
dem Niedersachsenchor der einheimische Männergesangverein Altmünster
und der Mannenkoor "David" aus Simpelveld/Holland beteiligten.
Gesang verbindet die Menschen, denn das gemeinsame Erleben lässt
alle Äußerlichkeiten und Unterschiede verblassen. Diesem Motto haben wir uns verschrieben, und wir freuen uns
über jeden, der sich uns anschließt, um im Gesang das seelische
Gleichgewicht zu suchen, das ihn für die Herausforderungen des Lebens
wappnet.
Erwin Lessl, im Frühjahr 2000.
Im Dezember 2000 gab Wilfried Garbers sein Abschiedskonzert. Dieses Konzert
gestalteten neben mehreren Gastsängern aus nah und fern, die Hannoversche Chorgemeinschaft mit Orchester und Solisten. Es wurde "Der Messias" von G.F.Händel in deutscher Sprache aufgeführt.
Die Hannoversche Chorgemeinschaft war 1953 auf Anregung des jungen hochbegabten
Dirigenten und Komponisten Garbers gegründet worden und besteht zur Zeit aus dem
Niedersachsenchor Hannover (Männerchor und gemischter Chor "InterNezzo") und der Volkssingakademie
Hannover. Die Aufführungen
setzten im Musikleben der Landeshauptstadt neue Maßstäbe.